Fliegen wie ein Engel?
... oder als Engel davon fliegen?

Mit 11 oder 12 Jahren sah ich im Fernsehen etwas unglaubliches! Es war eine Liveübertragung einer großen Skisportmeisterschaft in Garmisch, als plötzlich die Kameras einen komischen großen Vogel einfingen. Ein Mensch (*es war der Flugpionier Mike Harker 1973) hing unter einem zwischen 3 Rohren aufgespanntem dreieckigen Stofffetzen und flog von der Zugspitze hinunter ins Tal und das Ganze sah auch noch kontrolliert aus, ganz anders als bei einem Fallschirm. Das inspirierte meine Träume für alle Zeiten.

15 Jahre später: ein Bekannter erzählte mir von einer Drachenflugschule im Sauerland. Dies weckte erneut meine Neugier. Schnell fand ich heraus, dass ausgerechnet ein ehemaligen Netpher diese Flugschule gegründet hat. Elmar Müller hatte seinerzeit mit manch waghalsigen Unternehmungen bereits Schlagzeilen gemacht.

Es dauerte noch 1 Jahr, bis ich dann 1988 das erste Mal auf dem Übungshang in Züschen stand. Der Beginn einer wunderschönen Zeit, mit zahlreichen Erlebnissen, mit wunderbaren Menschen, die ich niemals vergessen werde. Dies war eine Zeit von der ich heute noch zehre. Heute wird diese Flugschule von Elmars Tochter Britta Müller unter dem Namen "Papillon-Flugschulen Hochsauerland" weiter geführt.

Das Drachenfliegen war auch einer der Hauptgründe warum ich heute in München lebe. Mein Arbeitgeber, ein Partnerunternehmen der IBM, welches sich aus der CAD-Abteilung von Kaut-Bullinger heraus entwickelt hatte, machte mir 1991 das verlockende Angebot in die Zentrale nach München zu wechseln. München war mir bereits durch mehrere IT-Veranstaltungen gut vertraut, die Angst vor zu "ruppigen Bayern" zeigte sich als unbegründet und meine Trennung lag bereits hinter mir.

Dann war da noch ein kleines Schlüsselerlebnis. An einem Osterwochenende musste ich für eine Veranstaltung in der folgenden Woche nach München. Am Ostersamstag startete ich mit meinem Opel Omega vom Hotel in München mit meinem Drachen auf dem Dach, mit Ski im Kofferraum und Badehose im Rucksack in Richtung Garmisch. Zunächst war Skifahren am Hausberg angesagt, allerdings waren die Temperaturen schon weit über 0 Grad und der Schnee wurde schnell sulzig. Also baute ich meinen Drachen noch Vormittags am Gipfel auf und flog genüsslich ins Tal hinab. Anschließend schnell zurück nach München, denn hier lockten bereits Temperaturen um die 20Grad. Im Englischen Garten angekommen, lagen bereits massig Menschen am Eisbach und genossen das geniale Wetter. Nur die Harten wagten bereits einen Sprung in den Eisbach. Ohhh-Ha! War der noch eisig! Aber ein Hammertag! So etwas geht nur in dieser Region! Abends noch in einer Kneipe zu versacken, jo mei, das war nur noch ein Sahnehäubchen :-) Meine Entscheidung, nach 30 Jahren die alte Heimat zu verlassen, viel mir also nicht sonderlich schwer.

Zusammen mit Manfred, einem weiteren Drachenflieger-Kameraden aus München, wurden zahlreiche Reisen in die besten Fluggebiete nach Frankreich, in die Schweiz und nach Italien unternommen. Im Winter hoben wir oft auch von der Hohen-Salve in Söll/AT mit unseren schweren Vögeln ab.

In einer Neujahrswoche erwischte es mich dann heftig. Bei Null-Wind im Schnee konnte ich nicht genug Geschwindigkeit zum Abheben erlaufen und geriet beim Start in den Tiefschnee. Die linke Tragfläche setzte auf und zog den Drachen leicht seitwärts. Nun war der Berg schon so steil, dass der Drachen zwar abhob, aber so schräg über die Fläche, dass wir wie ein welkes Blatt hin und her trudelten um dann mit Speed in die Felswand krachten. Bis dato hatte ich meine Schutzengel nie durchzählen müssen. Aber diesmal war ich mir sicher, dass ich einen davon bei der Aktion verloren hab. Das Gerät war Schrott aber ich war unverletzt!

Mit nachfolgenden Sicherheitstrainings und ersten Flügen unter einfachsten Bedingungen, versuchte ich nun meine Ängste loszuwerden. Diese tauchten aber nicht vorm Start, sondern immer vor der Landung auf. Egal! Im nächsten Frühjahr ging es nach Laragne/Frankreich. Hier sollte mein erster ordentlicher Thermikflug nach dem Fehlstart stattfinden. Nach raschem Höhengewinn in einer starken Warmluftblase ging ich gleich wieder auf Strecke. Ein schöner Flug der mich ca. 15km vom Startplatz davon trug.

Aber die nachfolgend gründlich vermasselte Außenlandung zeigte mir deutlich, dass der Mensch nicht zum Fliegen geboren wurde. Oder wie Wilhelm Busch (Werk: Hernach: Der fliegende Frosch) schon zum Besten gab: 

Wenn einer, der mit Mühe kaum
Gekrochen ist auf einen Baum,
Schon meint, dass er ein Vogel wär,
So irrt sich der.

Im zu tiefen Endanflug auf eine angepeilte kleine Wiese, blieb mir nur die Wahl in einem hohen Baum zu landen oder lieber gleich über die Fläche abzuschmieren und in einen Acker zu krachen. So eine Baumlandung kannte ich schon aus meiner Ausbildungszeit. Die folgende Rettungsaktion war aufwändig und die zahlreichen Helfer mussten mit einem Grillabend entschädigt werden. Also entschied ich mich für den Acker. Das neue Fluggeräte war wieder Schrott, mir brummte ordentlich der Schädel und auch meine damalige Freundin brummte nicht schlecht! Sie drohte mir mit Kündigung, sollte ich jemals wieder fliegen.

Lange Zeit versuchte mein Fliegerkamerad mich zum Kauf eines neuen Hängegleiters zu bewegen - vergebens. Im Folgejahr erhielt ich dann die traurige Nachricht, dass Manfred mit seinem Gerät tödlich verunglückt ist. Ende, Aus und vorbei! Das Lied von Reinhard Mey ist eng mit den Erinnerungen an diesen tollen Freund verbunden ..

Vom Albatros zur Wasserratte

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